Bildungsansprüche von Grundschulkindern - Standards zeitgemäßer Grundschularbeit

2.4 Tragfähige Grundlagen: Lernbereich Ästhetik

Didaktische Orientierung

Der Lernbereich Ästhetik wendet sich allen Wirklichkeitsbereichen zu, sucht und nutzt aber insbesondere auch den Bezug zu den Künsten. Ästhetische Projekte eröffnen alle Möglichkeiten, sich einem gewählten Thema zuzuwenden, es sich umfassend anzueignen und es in selbst entwickelten und gestalteten Ausdrucksformen anderen zu präsentieren. Die Gegenwartskünste bieten hierfür viele Anregungen, weil sie sich häufig mit den alltäglichen Dingen und den Erfahrungen der Menschen auseinandersetzen und weil sie oft Aktionsformen wählen, die den Handlungsformen der Kinder sehr nahe sind.

Die eigentliche Qualität dieses Lernbereichs liegt in der integrierenden Verbindung von fächerüber-greifenden und fachlichen Anteilen. Sein Hauptziel ist die Wahrnehmungsbildung im Sinne einer Eindrucks- und Ausdrucksschulung, die den ganzen Menschen meint. Es geht ihm also um eine Förderung der emotionalen, sensorischen, kognitiven und körperlichen (leiblichen) Fähigkeiten, die dem Kind dazu verhelfen soll, eine eigene begründete Position für sich selbst, zu anderen Menschen und zur Welt zu finden.

Kunst -
Bildung durch Kunst, Bildung zur Kunst

Auf der Grundlage der Sensibilisierung des bildhaften, haptischen und ganzkörperlichen Wahrnehmens, Gestaltens und Denkens drücken die Kinder ihr eigenes Erleben bildsprachlich aus und lesen und entziffern Bildsprachen.

Ihre eigenständigen Gestaltungen realisieren sie, weil sie sich im Laufe der Grundschulzeit die dazu erforderlichen Grundfertigkeiten und Kenntnisse angeeignet haben.

Musik -
Bildung durch Musik, Bildung zur Musik

Das Erleben, Erfahren und Verstehen von Musik wird von den Kindern in unterschiedlichen Umgangsweisen realisiert:

  • Musik machen/erfinden (Produktion, Reproduktion, Improvisation)
  • Musik hören (Rezeption)
  • Musik umsetzen (Transformation)

Die Kinder wenden das Gelernte im alltäglichen Unterricht und bei besonderen Anlässen (Schulfeste, Arbeitsgemeinschaften, Projekte...) an und nutzen dabei diese produktiven Zugangsweisen zur Musik.

Hilfreich hierfür sind die musikalischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, die sich die Kinder im Laufe der Grundschulzeit angeeignet haben und die möglichst oft in Sinnzusammenhängen entwickelt und geübt werden.

Sport -
Bildung durch Bewegung, Spiel und Sport, Bildung durch Erschließung der Bewegungs-, Spiel- und Sportkultur

Bewegung und Spiel gehören in alle Räume und Situationen schulischen Lebens und Lernens: in die Unterrichtsphasen, in den Klassenraum, in die Pausen und in den eigentlichen Sportunterricht. Die Schule als ein Haus des Lernens muss auch ein Haus des Sich-Bewegens sein.

Die Kinder sind zum Ende ihrer Grundschulzeit in der Lage, ihren Körper wahrzunehmen und angemessen auf seine Signale zu reagieren. Sie haben ihre Bewegungsfähigkeit vielseitig entwickelt und haben Lust, sie immer wieder neu zu erproben. Sie verfügen über eine umfassende allgemeine Spielfähigkeit, die sie befähigt, vorhandene Spielräume kreativ zu nutzen und allein und mit anderen Kindern zusammen ihre Spiele auch selbständig zu gestalten.

Dieses alles können sie, weil sie über ihre reflektierten Bewegungs- und Spielerfahrungen ein Verständnis für ihr Tun entwickelt haben. Hierzu gehört auch ein reflektierter Umgang mit dem Wagen und den Wagnissen, mit dem Leisten und der Leistung, mit der Kooperation und dem Wettkampf und mit der Gesundheit.

Notwendig hierfür sind die Fähigkeiten und Fertigkeiten, die sie sich im Laufe der Grundschulzeit angeeignet haben und die möglichst oft in Sinnzusammenhängen entwickelt und geübt worden sind.

Veröffentlichungen des Grundschulverbandes

Matthias Duderstadt (Hrsg.) (1996): Kunst in der Grundschule. Fachliche und fächerintegrierende ästhetische Erziehung. Band 99

Klaus Matthies / Manfred Polzin / Rudolf Schmitt (Hrsg.) (1987): Ästhetische Erziehung in der Grundschule. Integration der Fächer Kunst, Musik, Sport. Band 69

Manfred Polzin (Hrsg.) (1992): Bewegung, Spiel und Sport in der Grundschule. Fachliche und fächerübergreifende Orientierung. Band 85

M. Polzin, R. Schneider, M. Steffen-Wittek (Hrsg.) (1998.): Musik in der Grundschule. Band 102

Tragfähige Grundlagen

Der Lernbereich Ästhetik setzt sich zusammen aus fächerübergreifenden, integrativen Anteilen und fachlichen Vertiefungen in den Fächern Kunst, Musik und Sport. Aus diesem Grunde werden die Ziele für die Grundschule differenziert dargestellt.

Ziele

Lernbereich Ästhetik

  • Die Kinder improvisieren, sie suchen und erzeugen in allen Ausdrucksbereichen Material, das die Grundlage für die Entwicklung eigener Gestaltungen bildet.
  • Sie produzieren Geräusche, Klänge, Töne, mimische und ganzkörperliche Bewegungen, Zeichnungen, Bilder, Plastiken, Skulpturen, Medienereignisse u.a. zu bestimmten, von ihnen mit ausgewählten Themenbereichen.
  • Sie reproduzieren (nachvollziehen, nachgestalten) vorgegebene Formen und vorhandene künstlerische Ausdrucksformen.
  • Sie rezipieren produzierte künstlerische Ausdrucksformen (Bewegung, Bild, Klang) im Sinne einer Schulung und Selbstbildung der sinnlichen Wahrnehmung.
  • Sie transformieren Musik in Bewegung oder Bild, Bewegung in Bild oder Musik, Bild in Bewegung oder Musik.
  • Sie reflektieren künstlerische Hervorbringungen (Bewegung, Bild, Klang), ihren Sinn für die an ihnen interessierten Menschen (Produzenten, Rezipienten), ihre Bedeutung im gesellschaftlichen Zusammenhang, ihre Entstehung und Wirkung. Sie bilden sich eine eigene Meinung darüber und vertreten sie selbstbewusst.

Kunst

  • Die Kinder skizzieren und erproben grafische Elemente und Materialien.
  • Sie probieren Druck- und Schriftexperimente als Mittel der Gestaltung - auch am Computer - aus.
  • Sie nutzen Farbeigenschaften, -wirkungen und -ordnungen für ihre Absichten, arbeiten plastisch und skulptural mit unterschiedlichen Werkstoffen und Fundstücken.
  • Sie entwickeln räumliche Vorstellungen und gestalten Räume.
  • Sie gehen kreativ mit Medien um, auch mit Computer, CD-ROM und Internet.
  • Sie nutzen Formen und Elemente des Spiels, auch des Darstellenden Spiels.
  • Sie präsentieren ihre künstlerischen Produkte: Ausstellung, Inszenierung, Environment, Performance.
  • Sie wählen dabei eine Technik aus, die dem zu gestaltenden Inhalt angemessen ist.

Musik

  • Die Kinder nutzen die eigene Stimme und gestalten ihre verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten.
  • Sie wenden das eigene Liedrepertoire an und erweitern es ständig durch das Singen alter und neuer Lieder zu unterschiedlichen Themenkreisen, wobei sie die Merkmale von Melodien und verschiedenen Liedformen unterscheiden können.
  • Sie erzeugen Klänge, Geräusche und Rhythmen mit und ohne Musikinstrumente, nutzen dabei die Beschaffenheit und Klangeigenschaften unterschiedlicher Instrumente, die sie nun auch sachgemäß behandeln können und deren instrumental-manuelle Grundlagen sie beherrschen.
  • Sie wenden elementare Notationsformen an und kennen musikalische Werke unterschiedlicher Formen und Epochen.
  • Sie entwickeln, gestalten und präsentieren unterschiedliche Bewegungsformen und Tänze und gehen dabei produktiv mit neuen Medien und Technologien um.

Sport

  • Die Kinder erfahren und gestalten die Vielfalt des Laufens, Springens und Werfens.
  • Sie fühlen sich im und unter Wasser wohl und sicher und können schwimmen.
  • Sie entdecken die Vielseitigkeit des Sich-Bewegens an und mit Geräten und erlernen und üben elementare turnerische Bewegungsformen.
  • Sie entwickeln, üben, gestalten und präsentieren rhythmisch-musikalisch-tänzerische Fähigkeiten und Bewegungskünste.
  • Sie spielen selbstständig in und mit Regelstrukturen und erfinden eigene situationsangemessene Variationen.
  • Sie wenden ihr grundlegendes Bewegungskönnen beim Gleiten, Fahren und Rollen flexibel an.
  • Sie übernehmen beim Ringen und Kämpfen Verantwortung für sich und den Kampfpartner oder die Kampfpartnerin im Sinne eines fairen Kräftemessens.

Lernbedingungen

Projektarbeit
Die Idee des Lernbereichs Ästhetik lässt sich nur dann erfolgreich umsetzen, wenn regelmäßig Projekte durchgeführt werden, in denen ein Thema integrativ und fachbezogen erarbeitet und für eine Präsentation vorbereitet wird. In die Entscheidung über die Themen und die Art und Weise ihrer Bearbeitung sollten die Kinder möglichst weitgehend (von Klasse 1 bis 4 zunehmend) einbezogen werden, weil dadurch das Sich-Einlassen auf die Sache intensiviert werden kann.

Pro Schuljahr sollten wenigstens vier Projekte angeboten werden, bei denen die Kinder je einmal einen fachlichen Schwerpunkt Kunst oder Musik oder Sport wählen müssen (ergänzend zur integrativen Bearbeitung des Themas) und beim vierten Projekt frei wählen können, in welchem Fach sie ihr Können erweitern und vertiefen wollen. Auf diesem Wege werden die Kinder in die Lage versetzt, von Klasse 1 bis 4 mit zunehmender Selbständigkeit Projektarbeit zu gestalten.

Kooperation
Alle Möglichkeiten der ständigen oder themenbezogenen Kooperation mit Fachlehrerinnen und -lehrern sowie mit anderen Klassen erleichtern und erweitern die Projektarbeit.

Darstellendes Spiel
Die Fächer begegnen sich im Darstellenden Spiel. Auch wenn es in der Grundschule kein eigenes Fach darstellt, spielt es doch eine große Rolle im Schulleben. Es ist als integraler Bestandteil des Lernbereichs Ästhetik zu verstehen und bietet ideale Möglichkeiten, die in den Projekten erarbeiteten einzelnen Fachanteile von Kunst, Musik, Sport und Bewegung zusammenzuführen, wobei als Inhalte natürlich auch Themen, Probleme und Fragestellungen aus anderen Lernbereichen aufgegriffen werden können.

Bandbreiten der Entwicklung

Kinder und auch Lehrerinnen und Lehrer unterscheiden sich in ihren fachlichen Neigungen. Sich in allen drei Fächern Kunst, Musik und Sport zu Hause zu fühlen, ist eher die Ausnahme. Diesen unterschiedlichen Neigungen muss Raum gegeben und gleichzeitig eine zu einseitige fachliche Schwerpunktsetzung oder eine Vernachlässigung eines oder mehrerer Bereiche vermieden werden.

Für beides muss Raum sein: für breite und umfassende Erfahrungen und Lernprozesse in allen drei Fächern ebenso wie für die Weiterentwicklung fachlicher Schwerpunkte. Im Integrativen des Lernbereichs Ästhetik fügen sich die unterschiedlichen Stärken und Neigungen zusammen.

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