Bildungsansprüche von Grundschulkindern - Standards zeitgemäßer Grundschularbeit

Der Beitrag des Grundschulverbandes zur Standard-Diskussion

Zur aktuellen Diskussionslage

Im Rahmen der aktuellen Qualitätsdebatte im Bildungssystem spielen drei Ansätze bundesweit eine besondere Rolle:

  • die Festlegung von Standards für bestimmte Klassenstufen
    Die Kultusministerkonferenz lässt solche Standards mit bundesweiter Geltung durch Expertengruppen erarbeiten. [1]
  • Leistungstests und Vergleichsarbeiten für bestimmte Klassenstufen
    Sie werden zur Entwicklung und Verwendung in den Varianten: landesweite oder bundesweite Geltung diskutiert.
  • die Förderung von vermehrter Selbstständigkeit der Schulen,
    hierin eingeschlossen die Erarbeitung von Schulprogrammen und schuleigenen Lehrplänen. [2]

Diese drei Ansätze bilden auch international gesehen einen Zusammenhang: Die selbstständiger werdenden Schulen müssen sich in ihren schuleigenen Lehrplänen bei aller Eigenständigkeit in den Entscheidungen auch an einem Kern von Zielen, Inhalten und Prinzipien orientieren, der für alle Schulen gilt. Dieser Kern soll die gesellschaftlichen Ansprüche an die Schule sicher stellen und zugleich die individuellen Bildungsansprüche der Kinder auf tragfähige Grundlagen für weiteres Lernen im Bildungssystem klären. Staatliche Aufgabe muss dann sein, die Bildungsgerechtigkeit herzustellen, d.h. alle Schulen so auszustatten, dass diese Bildungsansprüche auch eingelöst werden können. Dies erfordert eine bestimmte Qualität von Unterricht, gegebenenfalls für bestimmte Schulen oder Kinder zusätzliche Ressourcen an Zeit, an Lehrkräften, an Materialien.

Allerdings birgt die skizzierte Konstruktion der drei Ansätze auch erhebliche Gefahren.

Probleme der Standards

In einem technischen Input-Output-Verständnis könnten die Standards einheitliche Ziele für alle Schülerinnen und Schüler am Ende einer Schulphase bedeuten. Damit blieben die individuellen Möglichkeiten der Kinder unberücksichtigt, die immer eine Bandbreite von Entwicklungsverläufen und Entwicklungsständen aufweisen. In den Blick genommen werden könnte vorwiegend das Kopfwissen statt der Kompetenzen. Damit würde die grundlegende Bildung unzulässig verkürzt, wichtige Bildungsbereiche, überfachliche Kompetenzen und Erziehungsaufgaben der Grundschule blieben ausgeklammert. Sie würden dann in der öffentlichen Wertschätzung mehr und mehr aus dem Blick geraten. Die Festlegung könnte einseitig von aktuellen gesellschaftlichen Erwartungen her erfolgen. Damit würde der immer mit bestimmende Ansatz der individuellen Bedürfnisse der Kinder ausgeklammert.

Probleme der Leistungstests und Vergleichsarbeiten

Alltagstaugliche Leistungstests verkürzen die Bildungsergebnisse in der Regel auf solche Ziele, die im Unterrichtsalltag leicht überprüfbar sind. Damit würde im eigenen Selbstverständnis und in der öffentlichen Wahrnehmung der Grundschule die Aufgabe des schulisches Lernens auf solche Ziele hin reduziert. Angesichts der Bedeutung, die solchen Tests öffentlich beigemessen werden, würde der Unterricht sich zudem auf die Testvorbereitung selbst verkürzen ("teaching to the test"). Individuelle Ziele der Kinder würden nahezu bedeutungslos. Die öffentliche Aufmerksamkeit für Leistungstests vereinseitigt die Instrumente zur Darstellung von Leistungen. Damit würden besonders bildungswirksame Möglichkeiten in den Hintergrund treten, nämlich prozessgebundene Lernerfolgs-Rückmeldungen wie Entwicklungsbeobachtungen oder Lerngespräche sowie neuere kindgeleitete wie Lerntagebücher oder Portfolios. Bei landes- oder bundesweiten Leistungstests wird immer auch die Möglichkeit ins Auge gefasst, Schulen in veröffentlichten Listen in ihren Leistungen zu vergleichen und in Konkurrenz zueinander zu bringen (Schul-Ranking). Ein solches öffentliches Ranking demütigt die Betroffenen und behindert dadurch die Fortentwicklung der Schule mehr, als es sie befördert. Zudem würde das derzeit schon stark ausgeprägte Unrecht, wie es für die deutsche Schule kennzeichnend ist, dramatisch zugespitzt: Kinder an Grundschulen in bildungsferneren Milieus gerieten noch weiter ins Hintertreffen.

"Bildungsgesellschaft" statt "Wissensgesellschaft"

In dieser Situation legt der Grundschulverband einen Gegenvorschlag vor, der grundlegende Bildungsansprüche aller Kinder formuliert und dabei die oben beschriebenen Gefahren zu vermeiden sucht. Der Grundschulverband folgt dabei einem traditionsreichen Bildungsbegriff, der die individuellen Ansprüche des Kindes und die gesellschaftlichen Ansprüche an das Kind miteinander in Einklang zu bringen versucht - realisiert insbesondere durch den Charakter der Bildungsorganisation und durch die Auswahl der Ziele und Inhalte. Die durch Bildung mögliche Höherentwicklung der Individuen wird dabei als Voraussetzung und als Ziel für die Höherentwicklung der Gesellschaft mitgedacht. Schule ist demnach immer auch ein gesellschaftliches Zukunftsmodell. Von hier her werden individuelle Stärkungen der persönlichen Autonomie gesellschaftlich hoch bedeutsam - man denke an Beispiele wie das Vermeiden von tiefgreifenden Verletzungen durch inhumane Umgangsweisen, die Förderungen des selbstständigen Lernens oder das Demokratie-Lernen auch in der Grundschule.

Damit stellen wir dem auf Wissen, Vergleichbarkeit und Abprüfbarkeit abzielenden verkürzten Lern- und Leistungsbegriff der aktuellen schulpolitischen Debatte den umfassenderen Begriff der grundlegenden Bildung gegenüber.

Kurz: Der Grundschulverband setzt dem derzeit vorherrschenden Begriff der Wissensgesellschaft den weiteren der Bildungsgesellschaft entgegen.

Der Grundschulverband verzichtet dabei nach langer Diskussion auf den Begriff Kerncurriculum, weil dieser in Gefahr steht, für einen verkürzten Bildungsbegriff in Anspruch genommen zu werden (zur Diskussion siehe 3). Der ebenfalls aktuelle Begriff der Standards wird dagegen aufgenommen, aber nicht im Sinne von am Ende der Grundschulzeit abprüfbaren Zielen, sondern im Sinne von Standards zeitgemäßer Grundschularbeit: Sie kennzeichnen eine für Kinder anregende Lernumgebung und individuelle Förderung ebenso wie die Perspektiven der zu unterstützenden Lernentwicklungen in der Zielorientierung.

Zum Vorschlag des Grundschulverbandes

In zweijähriger Diskussions- und Entwicklungsarbeit wurde die folgende Konzeption erarbeitet:

Die Bildungsansprüche von Grundschulkindern werden in zwei Dimensionen formuliert:

  1. In einem Leitkonzept zeitgemäßer Grundschularbeit werden neun überfachliche Prinzipien für die Gestaltung von Unterricht und Schulleben formuliert. Dazu werden Bedingungen beschrieben, die Schulen und die für Schule Verantwortung Tragenden erfüllen müssen, damit diesen Prinzipien entsprochen werden kann.
  2. Als tragfähige Grundlagen für weiteres Lernen werden für die Lernbereiche der Grundschule Ziele, Bedingungen und Bandbreiten der Entwicklung beschrieben.
  • Die Ziele werden als Kompetenzen formuliert. Sie sind die Förder-Perspektive vom ersten Schuljahr an, sie gelten für die Grundschulzeit und über die Grundschulzeit hinaus. Sie beschreiben nicht alle möglichen Ziele sondern eine Auswahl der für weiteres Lernen wesentlichen Kompetenzen mit Freiräumen für die Ergänzung und Konkretisierung in den schuleigenen Lehrplänen.
  • Die Kinder können nur dann Chancen erhalten, diese Kompetenzen zu entwickeln, wenn der Unterricht bestimmte didaktische Bedingungen erfüllt. Sie werden unter dem Stichwort Bedingungen skizziert.
  • Die Kinder realisieren die Kompetenzen in ihrer Entwicklung und am Ende der Grundschulzeit individuell unterschiedlich. Dies wird mit dem Abschnitt: Bandbreite der Entwicklungen gekennzeichnet. Gerade hierzu müssen Erfahrungen an den Schulen gesammelt werden, um faktische Bandbreiten beschreiben zu können. Der interne Vergleich zwischen Schulen, die unter ähnlichen Bedingungen arbeiten, kann für die einzelne Schule wichtige Aufschlüsse geben.

Diese Rubriken - Ziele, Bedingungen, Bandbreiten der Entwicklungen - finden sich auf den jeweils rechten Seiten. Um deutlich zu machen, welcher didaktische Kontext zeitgemäßer Grundschularbeit nötig ist, werden auf den linken Seiten synchron zu den tragfähigen Grundlagen Ausführungen zur didaktischen Orientierung gemacht

Zur Arbeit mit den "Bildungsansprüchen von Grundschulkindern - Standards zeitgemäßer Grundschularbeit"

Die hier formulierten Bildungsansprüche im Leitkonzept und in den tragfähigen Grundlagen betreffen alle Verantwortungsebenen [4]:

  • Schule: Hier werden die Schulprogramme und schuleigenen Lehrpläne je nach Standort und den nötigen und möglichen Bildungschancen der Kinder eigenverantwortlich formuliert. Dabei muss sicher gestellt werden, dass das Leitkonzept und die tragfähigen Grundlagen in diese Arbeiten integriert werden. Erarbeitet werden müssten Indikatoren, an denen diese Vorgaben in ihrer Realisierung und ihrem Erfolg evaluiert werden können - intern und extern.
  • Schulaufsicht, Verwaltung, Schulträger, Fortbildung: Die Schulen werden darin unterstützt, ihre Programme und schuleigenen Lehrpläne zu entwickeln sowie Leitkonzept und tragfähige Grundlagen darin zu integrieren. Sie werden dann unterstützt, diese Vorhaben realisieren zu können und die Qualität ihrer Arbeit zu prüfen und auszuweisen.
  • Politik: Die Schulen werden auf dem Weg zu vermehrter Selbstständigkeit gefördert. Besondere Beachtung muss der Bildungsgerechtigkeit gelten: Alle Schulen, auch Schulen, die unter schwierigen Bedingungen arbeiten, müssen in die Lage versetzt werden, das Leitkonzept zu realisieren und die tragfähigen Grundlagen für weiteres Lernen bei den ihnen anvertrauten Kindern zu entwickeln. Dies erfordert, dass die Schulen je nach Bedarf unterschiedlich mit Personal und weiteren Ressourcen an Zeit, Material und Unterstützungen ausgestattet werden.

Schulen, deren Schülerinnen und Schüler nach wiederholter Feststellung am Ende der Grundschulzeit die tragfähigen Grundlagen nicht entwickelt haben, müssen besondere Unterstützung und Hilfen zur Weiterentwicklung ihrer pädagogischen Arbeit und Qualitätsverbesserung erhalten.

 

Anmerkungen
[1]siehe Protokoll der 299. Plenarsitzung der Kultusministerkonferenz am 17./18. Oktober 2002 in Würzburg
[2]Bildungskommission NRW (1995): Zukunft der Bildung - Schule der Zukunft. Neuwied: Luchterhand, bes. S. 144 ff.
[3]Wolfgang Böttcher / Peter E. Kalb (Hrsg.) (2001): Kerncurriculum. Was Kinder in der Grundschule lernen sollen. Eine Streitschrift. Weinheim: Beltz
Grundschulverband aktuell. Frankfurt: Grundschulverband, H. 74 S. 3-18, H.75 S. 10-17 (2001) sowie H. 78 S. 3-11, H. 79 S. 23-24 (2002)
[4]ausführlich: Grundschulverband (Hrsg.) (o.J. / 1999): Zur Qualität der Leistung. 5 Thesen zu Evaluation und Rechenschaft der Grundschularbeit. Erneut abgedruckt in: Rudolf Schmitt (Hrsg.) (1999): An der Schwelle zum 3. Jahrtausend. Frankfurt: Grundschulverband Band 105, S. 164 ff.

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