Grußwort von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse

zum Grundschulforum am 20./21.09.2002 in Berlin

Unser Staat lebt - so hat es einmal der Verfassungsjurist Ernst-Wolfgang Böckenförde formuliert - von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Denn Demokratie ist nicht von selbst "da", sondern muss gelernt - und gelehrt werden. Gerade die Grundschule ist ein idealer Ort, um Fähigkeiten für demokratisches Handeln zu entwickeln, um Kompetenzen zu vermitteln, die Menschen in einer demokratisch verfassten Gemeinschaft brauchen.

Nach PISA sehe ich in der Schulpolitik eine Tendenz, Faktenvermittlung und Leistungssteigerung einseitig in den Vordergrund zu rücken. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich bin sehr für Leistung - auch in der Schule. Aber es ist doch die Frage, in welcher Form eine Gesellschaft auf Leistung setzt. Wollen wir eine Gesellschaft mit Ellbogenmentalität? Oder wollen wir eine Gesellschaft, die auf sozialen Ausgleich setzt, auf Bildungsbeteiligung für alle, auf Chancengerechtigkeit und Solidarität? Das ist die Frage, bei der jeder bildungspolitisch Farbe bekennen muss!

Ich habe etwas gegen den weit verbreiteten Ausdruck, Schule solle unsere Kinder "fit machen" für den Arbeitsmarkt. Natürlich müssen Schüler lesen, rechnen und schreiben können, sie müssen mit den neuen Medien umgehen können und sie sollten auch frühzeitig andere Sprachen erlernen. Dennoch darf sich Schule nicht auf die Vermittlung von Faktenwissen beschränken. Sie muss auch das bieten, was ich einmal etwas salopp als Lebensbefähigungs-Unterricht bezeichnen möchte. Dazu gehören die Fähigkeit zum selbstständigen Denken und Lernen, die Fähigkeit, Sinnfragen zu stellen, die Fähigkeit, Auseinandersetzungen gewaltfrei zu lösen und mit Frustrationen zurechtzukommen, die Fähigkeit, sich in einer komplizierten Welt zu orientieren und - ganz gewiss nicht zuletzt - die Fähigkeit zur Demokratie. In der Gemeinschaft an einem Projekt zu arbeiten, Argumente abwägen, Kompromisse finden - all das können und sollten auch Schülerinnen und Schüler in der Grundschule erfahren und erlernen.

Dass immer mehr junge Menschen skrupellosen politischen Rattenfängern auf den Leim gehen, macht mir Sorgen. Und wenn in der jüngsten Shell-Studie davon die Rede ist, dass gerade mal ein Drittel der Jugendlichen ganz sicher zur Wahl gehen will, dann stimmt auch das höchst bedenklich. In der Schule, gerade auch in der Grundschule, muss es Zeiten und Orte geben, die dem Demokratielernen und der Werteerziehung vorbehalten sind. Verlieren wir also - trotz PISA - nicht eine der wichtigsten Aufgaben der Schule aus dem Auge: Die Aufgabe umfassender Persönlichkeitsbildung! Ich weiß, dass sich der Grundschulverband diesem Ziel mit großem Engagement widmet. Dafür danke ich dem Verband herzlich und wünsche ihm weiterhin viel Erfolg. Dem Grundschulforum 2002 wünsche ich einen guten Verlauf und eine Fülle innovativer Ideen.

 

Wolfgang Thierse
Präsident des Deutschen Bundestages

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